2. KI in der darstellenden Kunst – Spielräume und Spannungsfelder

KI in der darstellenden Kunst – Spielräume und Spannungsfelder. Gestaltende Verantwortung und „Co-creative agency“.
Ein Webinar von Dr. Hilke Marit Berger, Professorin für „Digital Cultures and Imaginative Intelligence“ an der Universität Hamburg

„Künstliche Intelligenz“ ist mehr als nur ein technisches und kreatives Werkzeug – sie beeinflusst Arbeitsweisen, Ästhetiken, Sichtbarkeit und strukturelle Machtverhältnisse. Das Webinar zeigt auf, wie KI  die darstellenden Künste nachhaltig verändert, welche Rolle Künstler*innen in Bezug auf Technologie einnehmen können und stellt konkrete Möglichkeiten für die verantwortungsbewusste Auseinandersetzung mit und Nutzung von KI-Tools in der eigenen künstlerischen Praxis vor. Durch gesellschaftspolitisches Bewusstsein für die ökonomischen und ethischen Dimensionen von KI und grundlegendes technologisches Verständnis ihrer Funktionsweisen sollen kritische Anwendungspotenziale in den darstellenden Künsten aufgezeigt werden. Den Fokus bildet Bergers Konzept der „gestaltenden Verantwortung“ – Technologie nicht nur konsumieren, sondern bewusst einsetzen, kritisch reflektieren und künstlerisch nutzen, um ihre Strukturen offenzulegen und alternative Imaginationsräume und neue ästhetische Formen politisch informierten Erzählens zu schaffen.

HILKE MARIT BERGER ist Professorin für Digital Cultures und Imaginative Intelligence und arbeitet an der Schnittstelle von Stadtforschung, künstlerischer Praxis und digitaler Transformation. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Frage, wie kollektive Zukunftsvorstellungen entstehen – besonders dort, wo neue Technologien wie Künstliche Intelligenz auf lokale Wissensformen und künstlerisches Denken treffen. Sie interessiert sich für urbane Experimentierräume, kollaboratives Arbeiten und die Rolle von Imagination und Erinnerung in Transformationsprozessen. Ein zentrales Anliegen ist ihr dabei die Frage, wie Forschung, Verwaltung und Kunst gemeinsam Verantwortung für gesellschaftliche Gestaltung übernehmen können – jenseits von Effizienzlogik und kurzfristigen Innovationsversprechen. Hilke lebt in Hamburg wo sie u.a. das Projekt “Currents of Imagination – Co-Creating Urban Water futures through AI, Art and Transdiciplinary Collaboration” leitet.

Um welche KI-Tools und Technologien geht es diesmal?

  • Large Language Models (zB. ChatGPT)
  • Generative Bildsysteme (z. B. Midjourney, DALL-E, Gamma)
  • Motion Capture & Echtzeit-Systeme
  • Natural Language Processing Modelle
  • Maschine Vision / Maschinelles Lernen
  • Symbolische KI

Ziele des Workshops

  • KI verstehen statt nur benutzen – was hinter den Tools steckt und wieso Begriffe, Grenzen und Verständnis so entscheidend sind
  • Künstlerisch arbeiten mit KI – konkrete Einsatzmöglichkeiten
  • Eigenständig gestaltende Verantwortung übernehmen – ästhetische, soziale und politische Entscheidungen bewusst treffen
  • Risiken souverän navigieren – Bias, Halluzinationen, Urheberrecht, Datenschutz und Plattformabhängigkeit reflektieren
  • Eine eigene Haltung entwickeln – zwischen Experiment, Kritik und nachhaltiger Praxis im Kulturbereich

Zentrale Learnings

  • Theater kann KI nicht nur thematisieren, sondern ihre kulturellen Wirkungsbedingungen verändern.
  • KI ist kein denkendes Wesen, sondern ein System statistischer Mustererkennung.
  • Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist wirkungsvoll, aber irreführend, weil er zur Anthropomorphisierung
  • KI wirkt nicht nur als Werkzeug, sondern als Infrastruktur und Machtfaktor (Daten, Plattformen, Eigentum). Das Geschäftsmodell basiert oft auf Datenextraktivismus.
  • In darstellenden Künsten kann KI zur Mitspielerin, Co-Regisseurin oder choreografischen Partnerin werden – ein Entstehungspotential für „Co-creative Agency“.
  • Zentrale Spannungsfelder sind Bias, Urheberrecht, Autor*innenschaft, ökologische Kosten und Zugangsgerechtigkeit.
  • Künstlerische Praxis kann KI nicht nur nutzen, sondern ihre Zusammenhänge und Strukturen sichtbar machen, neue Imaginationsräume eröffnen und alternative Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen.
  • Gestaltende Verantwortung heißt, die Zukunft zu üben – im Körper, in der Probe, im Stadtraum, im Gespräch. Es heißt: Technologie nicht bloß konsumieren, sondern bewusst gestalten.

Zusammenfassung der Veranstaltung

Video verfügbar

Für IGFT-Mitglieder auf Anfrage

Es gibt eine große Euphorie von Menschen, die sehr tech-affin sind, angesichts der neuen Möglichkeiten. Es gibt aber auch genauso viel Skepsis und Angst, weil man sich berechtigterweise natürlich fragt, was für Auswirkungen das auf Arbeitsplätze, aber auch Beziehungen und vor allen Dingen auch unser Verständnis von Kreativität haben wird.“
Hilke Berger

Auswirkungen eines technologischen Shifts – Wieso KI das Theater betrifft

Die darstellenden Künste standen schon immer im Austausch mit Technologie. KI jedoch wirkt tiefer – sie verändert Produktionsprozesse, Kreativitätsbegriffe, Machtverhältnisse und Vorstellungen von Autor*innenschaft. Spätestens die Pandemie beschleunigte diese Entwicklung drastisch. Digitale Probenräume, Livestreams, neue Formate und andere Zusammenhänge zwischen künstlicher Intelligenz und darstellender Kunst machten deutlich: Digitalität ist keine Ergänzung mehr, sondern Teil kultureller Praxis geworden.

KI-Praxis-Tipps:

Premiere à Ein europäisches Forschungsprojekt, was sich mit der Frage beschäftigt, wie wir die darstellenden Künste so aufbereiten, dass diejenigen, die damit arbeiten, möglichst viele Tools und viel Wissen an die Hand bekommen. Open Access, mit Toolbox & Archiv! Hier geht’s zum Link: Link Auch könnten dich interessieren: Das Ars Electronica Center in Linz und das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.

Was KI tatsächlich ist – und was nicht

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist historisch gewachsen und entstand 1956 als strategische Bezeichnung in einem Forschungsantrag – eine rhetorisch starke, aber technisch unscharfe Setzung. Moderne KI basiert im Kern auf:

  • Maschinellem Lernen & ein Spezialfall davon: Deep Learning
  • Large Language Models (L.L.M.S.)
  • Symbolischer KI

Diese Systeme verstehen nicht, sie erkennen Muster und berechnen Wahrscheinlichkeiten. Gerade deshalb braucht es präzise Sprache und kritische Einordnung. Die Gefahr liegt in der „Anthropomorphisierung“ – der Zuschreibung von menschlichem Bewusstsein oder Absicht.

„Co-creative agency“: KI als kreative Partnerin?

In den darstellenden Künsten eröffnet KI zahlreiche neue Formen der Zusammenarbeit: Von dynamischen Erzählsystemen und von Sprachmodellen generierten Dialogen hin zu Perspektivwechseln, Überraschungsmomenten und innovativen Formen von Improvisation in Live-Choreographien zwischen Performer*innen und Algorithmen, Körpern und Avataren, die Präsenz und Vergänglichkeit hinterfragen – die Flüchtigkeit darstellender Kunst trifft auf die Speicherlogik digitaler Systeme. Hier entstehen Potentiale für „Co-creative Agency“ – geteilte Handlungsmacht zwischen Künstler*in und Maschine.

Die zentralen Spannungsfelder

„ Insgesamt verändert sich dadurch momentan ganz massiv die Frage, wem eigentlich Wissen gehört (…) und dadurch verschieben sich Machtachsen zwischen Kultur und auch zwischen Kapital.“
Hilke Berger

Bias und Vorurteile: KI reproduziert gesellschaftliche Stereotype und diskriminierende Narrative. Kunst kann diese sichtbar machen, hinterfragen und dekonstruieren. Datenextraktivismus: Kollektiv produziertes Wissen wird ohne Zustimmung in private Modelle eingespeist und als Produkt zurückverkauft. Urheberrecht & Autor*innenschaft: Wer ist Autor*in in einer Co-Kreation mit KI? Wem gehören Trainingsdaten? Wo liegen die Grenzen? Diese Fragen sind rechtlich und künstlerisch zentral. Ökologische Schäden: Training und Betrieb großer Modelle verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser. Zugänge: Das Versprechen einer Demokratisierung durch KI ist trügerisch. Die leistungsfähigsten Systeme gehören Tech-Konzernen und sind kostenpflichtig, was zu einer neuen digitalen Kluft führt.

Anthropomorphisierung

„ Du bekommst immer die wahrscheinlichste Antwort zurückgespiegelt.“
Hilke Berger

Wenn KI als menschliches Gegenüber wahrgenommen wird, entstehen ethische Risiken wie emotionale Abhängigkeit oder Fehlentscheidungen durch falsche Autoritätszuschreibung.

„Gestaltende Verantwortung“ – was heißt das also konkret?

  • Wissen aneignen und eine informierte Haltung entwickeln
  • Transparenz schaffen (z. B. KI-generierte Inhalte kennzeichnen)
  • Spannungsfelder nicht umgehen, sondern künstlerisch bearbeiten
  • Alternative Modelle, Datensätze und Praktiken erproben
  • Zwischenräume öffnen: nicht nur fragen, was KI kann, sondern wie wir durch sie anders sehen, fühlen und denken können

Theater wird so zu einem Labor für digitale Gesellschaft – ein Ort, an dem algorithmische Systeme erfahrbar, verhandelbar und veränderbar werden, wo Spannungsfelder sichtbar gemacht und Spielräume aktiv bespielt und erforscht werden können.

Digitalität als Kulturtechnik – Ein Ausblick

Wir können Technologie nicht einfach nutzen, wir müssen lernen, sie mitzugestalten – ästhetisch, sozial und auch politisch. (…) Es ist nämlich die Herausforderung der Geschwindigkeit, mit der diese Technologie unser aller Leben ändert und beeinflusst. Und das Tempo dieser digitalen Entwicklung, die verlangt von uns allen ein permanentes Dazulernen und Umlernen.“
Hilke Berger

Die Frage ist nicht, ob KI die darstellenden Künste verdrängt – ihre Alleinstellungsmerkmale bleiben unersetzbar. Die eigentliche Frage lautet: Wie können wir KI so einsetzen, dass sie unsere Vorstellungskraft erweitert – statt sie zu verengen? Unsere Gesellschaft wird sich zunehmend über KI organisieren – wie also können wir unsere Fähigkeiten und Kenntnisse über sie erweitern, um zu verstehen, wie sich unsere Lebenswelt durch sie verändert? Welche neuen Formen von Performance entstehen durch die Gestaltung von KI?         Im Fokus steht also kein Tool-Hype, sondern Digitalität als Kulturpraxis: Wie können Künstler*innen als Übersetzer*innen von Technologie und Gesellschaft tätig sein? Wo liegen Risiken wie Bias, Halluzinationen, Plattformabhängigkeit oder ökologische Kosten? Und wie kann Theater als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung KI nicht nur nutzen, sondern kritisch sichtbar machen und mitgestalten? Wer mit KI arbeitet, gestaltet nicht nur ein Tool, sondern gesellschaftliche und politische Möglichkeitsräume. Genau darin liegt ihre – und unsere – Verantwortung.

Das vollständige Webinar von Hilke Berger lohnt sich, wenn Du KI nicht nur benutzen, sondern dich noch ausführlicher informieren und sie wirklich verstehen willst – als technologisches Werkzeug und gesellschaftliche Herausforderung und wenn Du in Deiner eigenen künstlerischen Praxis die Nutzung von KI kritisch reflektieren willst!

Kontaktdaten:

Prof. Dr. Hilke Marit Berger
Professor for Digital Cultures
& Imaginative Intelligence

Institut for Liberal Arts & Sciences

Universität Hamburg
Monetastrasse 4
20146 Hamburg