Weitere Interviews werden demnächst veröffentlicht.
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Christiane Carstensen ist Referentin und Beraterin für generative Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung. Gemeinsam mit Dr. Sonya Dase leitet sie die Denkfabrik Dase & Carstensen, in der sie Bildungsorganisationen, Führungskräfte und Lehrende dabei begleitet, die Potenziale von KI reflektiert und praxisnah zu nutzen.
Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie Menschen in einer von KI geprägten Welt handlungsfähig bleiben: Mit Keynotes, Workshops und Beratungsformaten schafft sie Räume für Reflexion, Kompetenzaufbau und Innovation. Dabei verbindet sie technologische Entwicklungen mit didaktischer Expertise und setzt Impulse für eine zukunftsfähige Bildungs- und Kulturarbeit.
Als Mit-Herausgeberin des kostenfreien Branchenbriefs www.51GradNord.ai ordnet sie aktuelle Entwicklungen ein und unterstützt Bildungsakteure dabei, im dynamischen Feld der KI nicht die Orientierung zu verlieren.
Warum sollten sich Künstler:innen mit KI beschäftigen?
„ Weil KI nicht mehr an den Rändern unserer Gesellschaft steht, sondern in ihrer Mitte angekommen ist. Generative KI entwickelt sich zur Basistechnologie, so grundlegend wie Elektrizität oder das Internet. Damit betrifft sie auch die Kunst: in ihrer Produktion, in ihren Themen, in ihrer gesellschaftlichen Rolle. Kunst spiegelt, hinterfragt, inspiriert und genau das wird auch im Umgang mit KI gebraucht.
Zugleich sind Kunstschaffende auch Berufstätige. KI-gestützte Werkzeuge eröffnen hier durchaus Entlastung – etwa bei repetitiven Aufgaben oder bei Administration und Organisation kreativer Prozesse. Doch diese Entlastung steht in einem Spannungsfeld mit neuen praktischen Herausforderungen wie Urheberrecht, Sichtbarkeit, Verwendungsrechte und faire Vergütung, die durch KI nicht neu erfunden, aber massiv verschärft werden.“
Womit setzt du dich im Zusammenhang mit dem Themenbereich KI am meisten auseinander?
„ Mich beschäftigt vor allem, wie wir KI als Technologie verstehen können, die weit über technische Anwendungen hinausreicht – als Medium, das unsere Gesellschaft, unsere Kommunikation und unsere kulturellen Praktiken verändert.
Daher entwickeln meine Kollegin Sonya Dase und ich in unserer Bildungsberatung Dase & Carstensen Fortbildungsformate, die über die reine Tool-Ebene hinausgehen und dabei helfen, das Thema KI so zu verorten, dass es im eigenen beruflichen Kontext verstehbar, reflektierbar und handhabbar wird. Denn wer mit KI arbeitet, braucht beides: ein Verständnis dafür, wie sie funktioniert und ein Gespür dafür, was sie mit uns macht.
Im Zentrum steht für uns der Blick auf Sprache. Generative KI produziert nicht einfach Texte , sondern sie macht Sprache zur Schnittstelle. Meine eigene Sprache wird zur Interaktion mit dem System, zur Steuerungstechnologie, zur Weltzugangsform. Das verändert tiefgreifend, wie wir denken, gestalten, kommunizieren und wie wir das, was wir tun, überhaupt beschreiben können. Und umgekehrt wirkt Sprache auch von der KI ausgehend zurück auf uns: Generative Systeme produzieren nicht nur Text, sondern erzeugen eine Form von scheinbarer Menschenähnlichkeit – etwa durch Stimmen, die Pausen setzen, sich räuspern, moduliert reagieren. Wir können täuschend echte Avatare erschaffen, visuell wie auditiv. Diese Art von Sprachwirkung geht unter die Haut. Wir erleben hier zum ersten Mal eine Technologie, die uns auf einem Gebiet herausfordert, das wir bislang als zutiefst menschlich betrachtet haben: der Fähigkeit, Sprache hervorzubringen.“
Worauf muss ich bei der Nutzung von KI achten?
„ Zum einen auf das ganz Konkrete: Welche Daten nutze ich und woher stammen sie? Was passiert mit den Inhalten, die ich generiere? Welche Rechte habe ich und welche habe ich vielleicht schon abgegeben, ohne es zu merken? Fragen rund um Urheberrecht, Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind nicht neu, aber sie stellen sich im Kontext von KI mit neuer Dringlichkeit und oft unter unsicheren Bedingungen.
Zum anderen geht es um eine persönliche Klärung: Nicht nur, was KI kann, sondern was sie für mich tun sollte. Künstlerische Prozesse leben von Brüchen, Umwegen, Intuition. Nicht alles, was sich automatisieren lässt, ist eine Hilfe. Manches beschleunigt, manches verstellt. Und nicht zuletzt ist klar: Die Auseinandersetzung mit KI ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Die Entwicklungen sind so dynamisch, dass es nicht genügt, sich ein einziges Mal zu informieren. Es braucht Strukturen, die dabei helfen, dran zu bleiben – Übersetzungsräume, in denen das Neue verstehbar wird. Verbände, Netzwerke, Fortbildungsformate; Räume, in denen Fragen geteilt und Einschätzungen gemeinsam weiterentwickelt werden.
KI-Literacy bedeutet also auch: sich unterzuhaken. Sich gegenseitig zu stärken, Synergien zu bilden und eine kollektive Sprechfähigkeit zu entwickeln, als Berufsgruppe, als Kulturbereich, als Gesellschaft.“
Welche Rolle kann KI in künstlerischen Prozessen spielen?
„ KI kann vieles sein: Werkzeug, Impulsgeberin, Material, Reflexionsfläche und nicht zuletzt Reibungspunkt. Sie kann dazu beitragen, unsere Wahrnehmung für Perspektiven zu schärfen, die außerhalb des eigenen Erfahrungsraums liegen. Gleichzeitig gilt: KI ist eine Dual-Use-Technologie. Sie kann differenzieren oder vereinfachen, sensibilisieren oder verzerren – je nachdem, wie wir sie einsetzen. Sie ist nie neutral, sondern immer Ausdruck der Absichten, Daten und Kontexte, mit denen wir sie füttern.
Besonders spannend ist, dass generative KI nicht mehr nur für Kunst eingesetzt wird, sondern zunehmend als Mitakteurin im Prozess erscheint, als System, das mitproduziert, mitentscheidet, mitformuliert. Das verändert etwas: Es berührt das Verständnis von Autorenschaft, von Intention, von Originalität – zentrale Bezugspunkte künstlerischer Praxis.
Wie KI dabei zum Einsatz kommt, kann höchst unterschiedlich aussehen: als Werkzeug in der Vorarbeit, als Bestandteil des Werkes selbst oder als Thema im künstlerischen Diskurs. Und auch auf Seiten des Publikums eröffnen sich neue Fragestellungen, etwa zur Glaubwürdigkeit, zur Herkunft oder zur Rolle menschlicher Präsenz in einem Werk.
KI erweitert den Möglichkeitsraum künstlerischer Praxis und konfrontiert ihn gleichzeitig mit einer neuen Grenzfläche zwischen Mensch und Maschine.“
Was sind zentrale ethische Fragen, die sich beim Einsatz von KI in der Kunst stellen – und wer sollte sie verhandeln?
„ Als Fortbildnerin blicke ich von außen auf die künstlerische Praxis, aber aus dieser Perspektive sehe ich einige ethische Fragen, die mir besonders drängend erscheinen, weil sie die Bedingungen künstlerischer Arbeit in einer KI-geprägten Welt grundlegend verändern. Es geht um Urheberrecht, um faire Beteiligung, um Sichtbarkeit und Verwertung von künstlerischer Leistung. Wenn Werke ohne Zustimmung in Trainingsdaten verschwinden, ist das nicht nur eine rechtliche Grauzone, sondern ein strukturelles Problem mit konkreten Nachteilen für einzelne Kunstschaffende.
Hinzu kommt: Mit generativer KI rückt zunehmend die Vermessung des Menschen ins Zentrum. Es geht längst nicht mehr nur um die Erfassung der Welt, sondern um die algorithmische Deutung von Emotionen, Gedanken, Körpern. KI analysiert Stimmlagen, Bewegungsmuster, Schreibstile und erzeugt dabei eine scheinbare Menschenähnlichkeit, die klare Grenzen verschwimmen lässt. Oft ist nicht mehr erkennbar, ob wir es mit einer Maschine oder einem Menschen zu tun haben. Diese Unschärfe betrifft nicht nur mediale Oberflächen, sondern unser Selbstverständnis als Mensch.
Solche Fragen lassen sich nicht allein technisch oder juristisch beantworten. Es ist wichtig, dass Kunst in diesen Aushandlungsprozessen eine laute und sichtbare Stimme bleibt, weil wir auf sie an genau dieser Stelle nicht verzichten können.“